Leitfaden

Holacracy-Governance auf die nächste Stufe bringen

Holacracy-Governance auf die nächste Stufe bringen

Organisationen, die Holacracy einführen, stellen oft fest, dass sich ihre Entscheidungsprozesse dadurch deutlich verbessern. Doch die Einführung von Governance-Sitzungen ist erst der Anfang der Entwicklung zur Selbstorganisation.

Dogmatische Stimmen mögen die Vollständigkeit der Holacracy-Verfassung vehement verteidigen. Ich glaube jedoch daran, alles Verfügbare zu nutzen, um das passende System für die eigene Organisation zu gestalten. Selbst wenn dich Holacracy nicht überzeugt, enthält es Werkzeuge, die für jedes Team sehr nützlich sein können. Eines dieser Elemente ist die integrative Entscheidungsfindung.

In Holacracy ist die integrative Entscheidungsfindung der Prozess in einer Governance-Sitzung, bei dem eine Person einen „Vorschlag“ einbringt, um Rollen, Regeln oder Strukturen zu schaffen, zu ändern oder abzuschaffen. Die Gruppe bearbeitet den Vorschlag, bis es keine Einwände mehr gibt und er angenommen werden kann.

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Dieser Prozess wird oft als mechanisch und „seelenlos“ kritisiert – ein häufiger Kritikpunkt an Holacracy insgesamt. Das System versucht, dem entgegenzuwirken, indem es eine Runde für „emotionale Reaktionen“ zulässt.

Ich denke, Teams können noch weiter gehen und den Prozess deutlich verbessern. Durch die Einbindung des Beratungsprozesses und die Möglichkeit einer wirksamen asynchronen Beratung online kann der Governance-Prozess zu einem unglaublich wirkungsvollen und effizienten Motor für selbstorganisierte kontinuierliche Verbesserung werden.

Loomio ist ein Software-Werkzeug, das Gruppen dabei unterstützt, durch ein gemeinsames Verständnis Entscheidungen zu treffen. Es wird von Tausenden Gruppen auf der ganzen Welt genutzt, von Unternehmen über Regierungen bis hin zu NGOs. Besonders wirkungsvoll ist es für selbstorganisierte Teams.

Holacracy befürwortet ebenso wie Teal und Soziokratie eine „konsentbasierte“ Entscheidungsfindung mit einem Beratungsprozess. Solange die Person, die den Vorschlag einbringt, Rückmeldungen von denjenigen eingeholt hat, die davon betroffen wären, ist keine Einstimmigkeit erforderlich. In Holacracy kann die Annahme eines Vorschlags nur dann durch ein Veto verhindert werden, wenn es grundsätzlich unsicher wäre, ihn auszuprobieren, weil er Schaden verursachen würde, oder wenn er die Organisation eindeutig zurückwerfen würde.

Viele Gruppen nutzen Loomio für Konsensentscheidungen. Manche verstehen darunter Einstimmigkeit – dass alle zustimmen –, aber das ist nicht gemeint.

Wer Konsens mit Einstimmigkeit gleichsetzt, missversteht ihn grundlegend.

Konsent zu geben bedeutet nicht zwangsläufig, dass der zur Prüfung stehende Vorschlag die erste Wahl einer Person ist. Gruppenmitglieder können einem Vorschlag ihren Konsent geben, weil sie sich dafür entscheiden, die Richtung der Gruppe mitzutragen, statt auf ihrer persönlichen Vorliebe zu bestehen. Manchmal lautet die Frage bei der Abstimmung über einen Vorschlag: „Kannst du mit diesem Vorschlag leben?“ Diese weniger strenge Voraussetzung für eine Ja-Stimme kann zu vollständigem Konsent führen. Dieser vollständige Konsent bedeutet jedoch nicht, dass alle vollständig übereinstimmen. — Wikipedia über Konsensentscheidungen

Hat man die häufige Verwechslung von „Konsens“ und „Einstimmigkeit“ erst einmal überwunden, erkennt man, dass es einen guten Grund dafür gibt, dass „Konsens“ und „Konsent“ denselben Wortstamm haben. Loomio wurde ursprünglich zur Unterstützung von Konsensprozessen entwickelt und ist bestens für konsentbasierte Entscheidungsfindung geeignet.

Integrative Entscheidungsfindung online

Mit diesen Schritten kannst du deinen Holacracy-Governance-Prozess online durchführen.

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Den Prozess einrichten

In Holacracy

Plane regelmäßige Governance-Sitzungen.

Auf Loomio

Richte eine Governance-Untergruppe ein.

Wenn die Gruppe der Holacracy-Verfassung folgt, sollte eine moderierende Person bestimmt werden. Die Gruppe kann auch entscheiden, diese Rolle gemeinsam zu übernehmen, oder die Person, die den Vorschlag einbringt, kann moderieren. Das Vorgehen kann in der Gruppenbeschreibung auf Loomio festgehalten werden.

Die Spannung benennen

In Holacracy

Eine Person beschreibt eine Spannung, etwa ein Problem, eine Verbesserung oder eine Systemänderung. Die Person, die den Vorschlag einbringt, kann um eine Diskussion bitten, um zu einem Vorschlag zu gelangen.

Auf Loomio

Starte eine neue Diskussion. Gib ihr einen Titel und erläutere den Kontext der Spannung.

Klärende Fragen

In Holacracy

Alle können Fragen stellen, um den Vorschlag besser zu verstehen. Die Person, die den Vorschlag eingebracht hat, kann antworten oder sagen, dass sie keine Antwort hat.

Es ist nicht erlaubt, klärende Fragen zu nutzen, um eine Meinung zu äußern. Meinungen, Anregungen und Reaktionen sollen alle der Reaktionsrunde vorbehalten bleiben. Die Moderation unterbricht jede Frage, die eine Meinung vermittelt oder nicht dazu dient, den Vorschlag besser zu verstehen.

Auf Loomio

Gruppenmitglieder werden über die neue Diskussion benachrichtigt und können klärende Fragen als Kommentare veröffentlichen. Die Person, die die Diskussion eröffnet hat, kann darauf antworten.

Vorschlag

In Holacracy

Die Person, die den Vorschlag einbringt, entwickelt einen Vorschlag, um die Spannung so anzugehen, wie sie sie wahrnimmt.

Auf Loomio

Die Person startet einen Vorschlag auf Loomio. Das kann sofort geschehen, wenn die ursprüngliche Diskussion veröffentlicht wird. Sie kann aber auch zunächst eine Zeit lang klärende Fragen zulassen, bevor sie den Vorschlag einbringt. Sie legt die Laufzeit des Vorschlags fest.

Reaktionen

In Holacracy

Nacheinander reagiert jede Person auf den Vorschlag, wie sie es für richtig hält. Während einer Reaktion sind weder Antworten noch Unterbrechungen erlaubt. Jede Art von Reaktion ist willkommen, von sachlicher Kritik bis hin zu emotionalen Ausbrüchen. Die einzige Einschränkung ist, dass sich Reaktionen nicht an eine bestimmte Person richten sollen. Alle reagieren, außer der Person, die den Vorschlag eingebracht hat.

Die Reaktionsrunde ist der einzige Schritt in der Governance-Sitzung, in dem alle frei sprechen können. Sie eignet sich besonders gut, um unterschiedliche Perspektiven einzubringen und Verbesserungen des Vorschlags anzuregen, die die vorschlagende Person übernehmen kann, wenn sie ihr gefallen.

Auf Loomio

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Ein Loomio-Vorschlag lädt alle Teilnehmenden automatisch dazu ein, ihre Position anzugeben (Zustimmung, Enthaltung, Widerspruch, Veto) und ihre Reaktion kurz zu erläutern. (Dieser Schritt enthält die Einwandrunde aus Holacracy – siehe unten.) Die Person, die den Vorschlag startet, legt den Zeitrahmen fest, und das System benachrichtigt alle vor Ablauf der Frist.

Teilnehmende auf Loomio können ihre Position ändern, wenn sie andere Reaktionen hören. Das System erfasst und zeigt den Verlauf ihrer Reaktionen und ihre aktuelle Position an.

Ändern und klären

In Holacracy

Nachdem alle Reaktionen abgeschlossen sind, kann die Person, die den Vorschlag eingebracht hat, dessen Absicht erläutern oder ihn anhand der Reaktionen ändern. Nur diese Person spricht; eine Diskussion ist nicht erlaubt.

Obwohl sie den Vorschlag beliebig ändern kann, ist das Ziel, einen besseren Weg zu finden, um die Spannung anzugehen. Es ist nicht ihre Aufgabe, auf alle in der Runde gehörten Bedenken und Reaktionen einzugehen oder gar von anderen Teilnehmenden vorgeschlagene Verbesserungen vorzunehmen.

Auf Loomio

Loomio fasst alle Positionen visuell zusammen und zeigt eine kurze Zusammenfassung der Reaktionen sowie eine Aufzeichnung der Kommentare und klärenden Fragen. Die Person, die den Vorschlag eingebracht hat, kann diese berücksichtigen.

Sie veröffentlicht ein Fazit, das automatisch an alle Teilnehmenden gesendet wird. Darin kann stehen, dass der Vorschlag angenommen wurde und wie die Entscheidung lautet, oder dass er nicht angenommen wurde und ob die Angelegenheit fallen gelassen oder eine neue Fassung des Vorschlags folgen wird.

Einwandrunde

In Holacracy

Die Moderation fragt alle Teilnehmenden nacheinander, ob sie einen Einwand haben, also ob sie „einen Grund sehen, weshalb die Annahme dieses Vorschlags Schaden verursachen oder den Kreis zurückwerfen würde“. Auch die Person, die den Vorschlag eingebracht hat, erhält Gelegenheit, einen Einwand vorzubringen. Gibt es keinen Einwand, wird der Vorschlag angenommen.

Gibt es einen Einwand, geht die Moderation zum Integrationsschritt über. Dieser bietet die Gelegenheit, den Einwand zu besprechen, ihn vollständig zu verstehen und seine Gültigkeit herauszuarbeiten.

Auf Loomio

Die Einwandrunde ist in die Reaktionen eingebaut, wenn Teilnehmende ihre Position angeben, denn eine der Optionen ist, ein Veto einzulegen.

Sowohl die Veto-Funktion von Loomio als auch der Einwand in Holacracy stammen aus derselben Tradition der konsentbasierten Entscheidungsfindung und erfüllen dieselbe Funktion. Wird gegen einen Vorschlag ein Veto eingelegt, wird er nicht angenommen.

Die Ethik der Konsensentscheidungsfindung ermutigt Teilnehmende, das Wohl der gesamten Gruppe über ihre persönlichen Vorlieben zu stellen. Wenn gegen eine Gruppenentscheidung möglicherweise ein Veto eingelegt wird, werden sowohl die Gruppe als auch die widersprechenden Personen darin ermutigt, zusammenzuarbeiten, bis eine Einigung erreicht werden kann. Einfach ein Veto gegen eine Entscheidung einzulegen, gilt nicht als verantwortungsvoller Einsatz des Konsensvetos. Zu den üblichen Leitlinien für den Einsatz eines Konsensvetos gehört es, die zulässigen Begründungen für ein Veto auf Fragen zu beschränken, die für den Auftrag der Gruppe grundlegend sind oder für die Gruppe katastrophale Folgen haben könnten.

— Wikipedia über Konsensentscheidungen

Auf Loomio erfolgt die Integration durch eine Online-Diskussion, um das Veto zu verstehen. Einzelne Personen können ihre Position ändern, solange der Vorschlag noch offen ist, und ihr Veto zurückziehen. Der Vorschlag kann aber auch beendet werden; dann kann die Angelegenheit abgeschlossen oder eine weitere Fassung vorgeschlagen werden, die auf das Bedenken eingeht.

Neue Möglichkeiten für selbstorganisierte Teams

Viele der Organisationen, mit denen ich arbeite und die mit Selbstorganisation experimentieren, kämpfen mit zwei grundlegenden Gegebenheiten:

  1. Schlank bleiben Von allen wird erwartet, dass sie teilnehmen. In der Praxis kann es jedoch schwierig sein, die Zeit dafür zu finden, insbesondere für die „wichtigen, aber nicht dringenden“ Spannungen, für die Governance-Sitzungen Raum schaffen sollen. Sitzungen in Echtzeit kosten viel Zeit und Aufmerksamkeit.
  2. Fähigkeiten aufbauen Uns wurde größtenteils nie beigebracht, wie wir uns selbst organisieren. Wirksame Zusammenarbeit ist weder Bestandteil vieler schulischer Lehrpläne noch am Arbeitsplatz üblich, da die meisten Organisationen hierarchisch aufgebaut sind. Wir müssen sie durch Übung lernen.

Systeme wie Holacracy geben Teilnehmenden Sicherheit und Kompetenz im Umgang mit ihren Elementen, weil diese klar definiert sind. Es ist verlockend, sie als „vollständig“ zu betrachten und nicht zu versuchen, sie kreativ weiterzuentwickeln und anzupassen. Doch um die beiden genannten Herausforderungen anzugehen, müssen wir jedes gute Werkzeug nutzen, das uns zur Verfügung steht.

Durchdachte Werkzeuge wie Loomio können durch asynchrone Beteiligung Kapazitäten freisetzen. Sie bieten Lernmöglichkeiten im eigenen Tempo, um individuelle und Teamfähigkeiten aufzubauen. Loomio ermöglicht es Menschen, sich mit Prozessen und Verhaltensweisen auseinanderzusetzen, für die sie zuvor vielleicht nie Gelegenheit hatten.

Wenn Governance-Diskussionen und -Entscheidungen online stattfinden, kannst du die Zahl der Governance-Sitzungen verringern und unzählige Stunden sparen, während wichtige Spannungen weiterhin bearbeitet werden. Das ist die Definition von „schlank“. Teammitglieder können ihre Fähigkeiten zur Zusammenarbeit in klaren, leicht zugänglichen Prozessen ausbauen, an denen sie jederzeit und überall teilnehmen können.

Entscheidend ist auch: Wenn einige Governance-Diskussionen online stattfinden, kannst du die wertvolle Zeit bei persönlichen Sitzungen nutzen, um komplexere Fragen zu vertiefen, die einen intensiveren Austausch erfordern. Der Online-Raum wird Sitzungen nie vollständig ersetzen, kann aber deutlich verbessern, wie du sie nutzt und wie wirksam eure Zusammenarbeit insgesamt ist.


susan.jpgSusan Basterfield ist Impulsgeberin, Förderin und agiler Coach. Sie hilft Menschen, mit neuen Arbeits- und Lebensweisen zu experimentieren, um den Arbeitsplatz der Zukunft zu verwirklichen. Sie ist Mitgründerin von Enspiral Labs, einem Expertenteam für technologiegestützte Selbstorganisation auf der nächsten Stufe.

Du erreichst sie unter susan@enspiral.com

• Alanna Irving

Schlagwörter: Selbstorganisation Leitfäden

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