Technologie-Kollektiv

Blockchain ohne Chefs entwickeln

Achtundzwanzig Entwickelnde gründeten aus der Ethereum Foundation heraus ein Kollektiv ohne Hierarchie und Geschäftsführung, mit der Regel, dass jede Entscheidung den Konsent aller braucht.

Blockchain ohne Chefs entwickeln
Organisation

Argot Collective

Technologie-Kollektiv

Weltweit — Berlin, Europa, Asien, USA

28 Entwickelnde und Forschende

Einblicke von
Sean Billig

Sean Billig

Gründungsmitglied

Nutzt Loomio seit 2023

Nutzt Loomio für
Ortsübergreifende Entscheidungen im Konsent
Rechtsverbindliche Entscheidungen zur Steuerung
Jede Stimme über Zeitzonen hinweg hören
Offizielle Dokumentation der Entscheidungsgründe

Das Argot Collective verbindet technische Exzellenz mit organisatorischem Experimentieren. Im Mittelpunkt seiner bahnbrechenden Arbeit steht die Entwicklung von Programmiersprachen und Verifizierungswerkzeugen für das Ethereum-Ökosystem. Das Kollektiv schafft die virtuelle Infrastruktur, mit der Menschen Anwendungen auf der Blockchain entwickeln können. Wie diese Gruppe gemeinsam Entscheidungen trifft, ist genauso interessant wie das, was sie entwickelt.

Als eine Gruppe von Forschenden und Entwickelnden beschloss, sich aus der Ethereum Foundation auszugliedern, gründete sie nicht einfach nur ein weiteres Technologieunternehmen. Sie wollte etwas anderes versuchen: ein Team ohne Führungshierarchie, in dem jede folgenreiche Entscheidung in einem Konsentverfahren getroffen würde, statt von oben angeordnet zu werden.

„Allen war klar, dass das eine Herausforderung werden würde“, erinnert sich Sean Billig, eines der Gründungsmitglieder des Argot Collective. „Es ist eine große Gruppe mit unterschiedlichen Perspektiven und unterschiedlichen Werten. Ich würde es nicht anders wollen.“

Bereit für die Herausforderung

Während sich die Ethereum Foundation weiterentwickelte, kamen einige Teams zu der Überzeugung, dass wichtige Entscheidungen gemeinsam getroffen werden könnten und sollten. Statt sich an strukturellen Konflikten aufzureiben, beschloss eine Gruppe, eine Alternative zu schaffen: eine Organisation, in der es tatsächlich keine Geschäftsführung gab.

In dieser neuen Organisation würde die Einstellung eines Projekts oder ein Richtungswechsel den Konsent der ganzen Gruppe erfordern. Die Ethereum Foundation unterstützte den Übergang, stellte finanzielle Mittel bereit und half bei der rechtlichen Struktur. Das Argot Collective war dankbar für diese Unterstützung und den guten Start.

In der Praxis sind der Wunsch nach einer flachen Struktur und deren Umsetzung allerdings zwei ganz unterschiedliche Herausforderungen.

Das richtige Werkzeug für das Kollektiv finden

Sean kannte Loomio seit Jahren durch die Scuttlebutt-Community. Er hatte das Enspiral-Handbuch gelesen und sich in Better Work Together mit Alanna Irvings Arbeit über gemeinschaftliche Praktiken beschäftigt. Als es darum ging herauszufinden, wie Argot tatsächlich Entscheidungen treffen würde, war Loomio beinahe schon gesetzt.

„Es wurde von Menschen geschaffen, die die kollektive Denkweise lebten, die wir verkörpern wollten“, erklärt Sean.

Zum Testen begannen sie mit einer privaten Installation. Nachdem sie bestätigt hatten, dass Loomio ihre Bedürfnisse erfüllte, half ihnen ein Entwickler beim Umzug zum offiziellen Loomio-Hosting. Sie nutzen es inzwischen seit 18 Monaten und verfeinern dabei laufend ihre Prozesse.

Anja Petkovic Komel, eine Mathematikerin, die zu Argot kam, um an formaler Verifikation zu arbeiten, übernahm bei ihrem Einstieg Loomio und die dazugehörige Kultur. Etwas Vergleichbares hatte sie zuvor nicht genutzt. „Ich habe es von Anfang an geliebt“, sagt sie. „Man hat eine Plattform, um seine Meinung asynchron auszudrücken. Sie ermöglicht es allen, aus jeder Zeitzone beizutragen. Ich kann bestätigen, dass heute alle unsere ‚offiziellen‘ Entscheidungen als Kollektiv Loomio-Entscheidungen sind.“

Eine der ersten offiziellen Handlungen von Argot war es, diese Entscheidung in der Satzung zu verankern. Loomio-Entscheidungen gelten als rechtsverbindlich. Loomio ist ihr offizielles Dokumentationssystem.

Gesichtslose Mitglieder eines räumlich verteilten Kollektivs sind mit einem gemeinsamen Vorschlag verbunden; im Prozess sind Konsent und ein durchdachter Einwand sichtbar.

Das Gewicht „offizieller“ Entscheidungen

Dieser offizielle Status erzeugt interessante Dynamiken. Weil auf Loomio verbindliche Entscheidungen getroffen werden und das in rechtlichen Dokumenten verankert ist, hat das Ganze ein gewisses Gewicht. Die Mitglieder nehmen die Formulierung von Vorschlägen ernst. Sie nehmen sich Zeit, ihre Gedanken für die Dokumentation zu strukturieren.

„Weil es dokumentiert wird, nehme ich mir mehr Zeit und strukturiere meine Gedanken klarer“, bemerkt Anja. „Für mich ist das etwas Gutes.“

Doch dasselbe Gewicht kann Menschen zögern lassen. Sean beobachtet, dass Diskussionen oft in ihren Chats beginnen statt auf Loomio. Was als kurze Frage anfängt, kann sich zu einer langen Diskussion über Vorzüge und Abwägungen entwickeln. Weil sich der Chat weniger formell und weniger offiziell anfühlt, bleiben die Mitglieder dort, statt zu Loomio zu wechseln, wo das Gespräch als Diskussion organisiert, durchsuchbar und dauerhaft aufbewahrt wäre.

„Es gibt dieses Gefühl der Vergänglichkeit“, beobachtet Sean. „Menschen sprechen privat von Angesicht zu Angesicht über Dinge, die sie nicht in den Chat schreiben würden. Und sie unterhalten sich im Chat über Dinge, die sie nicht auf Loomio schreiben möchten.“

Die „Veto“-Funktion in Loomio hat ein ähnliches Gewicht. Gegen einen Vorschlag ein Veto einzulegen fühlt sich ernst an, als würde man die sorgfältig durchdachte Arbeit einer anderen Person zurückweisen. Das kann zu einer Verlangsamung führen – hat aber auch einen positiven Effekt. „Es gibt uns ein Gefühl von Sicherheit“, erklärt Anja. „Es laut auszusprechen gibt einem dieses Gefühl der Sicherheit: dass wir die Möglichkeit haben, Widerspruch auszudrücken und eine andere Lösung zu finden.“

Gegen einen Vorschlag wird nur selten ein „Veto“ eingelegt. Aber zu wissen, dass es möglich ist, ist wichtig. Es gibt den Teammitgliedern einen direkten Weg, ihre Absicht auszudrücken.

Lernen in Echtzeit

Das Argot Collective ist seit weniger als einem Jahr offiziell als eigenständige Organisation tätig. Zuvor arbeitete die Gruppe monatelang daran, schwierige Fragen zu Struktur und Gehalt zu klären und herauszufinden, wie konsentbasierte Entscheidungsfindung bei ihrer Größe funktionieren kann.

Auf Grundlage des Enspiral-Modells hat sie Entscheidungstypen geschaffen: Stimmungsbilder, Standardentscheidungen, wichtige Entscheidungen und Quorumsentscheidungen. Sie hat Vorlagen mit Anforderungen an die Beteiligung eingerichtet. Damit eine Standardentscheidung angenommen wird, müssen 50 % der Mitwirkenden mit Ja stimmen, und gegen den Entscheidungsvorschlag darf kein Veto eingelegt werden. Neuere Funktionserweiterungen in Loomio ermöglichen es ihnen, diese Regeln direkt in Vorschlägen festzulegen.

Das Kollektiv arbeitet noch an seinen Kommunikationsregeln. Ab welchem Entwicklungsstand einer Idee ist eine Loomio-Diskussion angemessen, und wann bleibt man besser im Arbeitschat? Wann sollte jemand einen formellen Vorschlag einbringen, statt erst einmal die Stimmung auszuloten? Die Gruppe hatte bisher noch kein wirklich umstrittenes Thema. Sie befindet sich noch in einer Lernphase.

„Wir sind etwas abgeschirmt von den typischen Belastungen einer Organisation“, sagt Sean. „Wir haben finanziellen Spielraum. Wir haben keinen Gewinnanreiz. Wir leisten Open-Source-Arbeit und hoffen, dass Fördermittel alles abdecken.“ Diese Bedingungen geben ihnen einen seltenen Freiraum zum Experimentieren.

Da das Team auf 28 Personen gewachsen ist, von denen einige zusammen in Berlin und andere über Asien, Europa und die USA verstreut sind, wird es schwieriger, Beziehungen zu pflegen. „Ich denke, wenn wir als Organisation überleben, dann wird das an starken zwischenmenschlichen Beziehungen liegen“, sagt Sean. Die Gruppe plant und besucht zweimal im Jahr gemeinsame Treffen außerhalb des Arbeitsalltags, um gezielt diese Bindungen aufzubauen.

Ratschläge für Kollektive

Anja spricht offen über die Skepsis, die ihr begegnet. „Meine Familie fragt: Wer sorgt dafür, dass du deine Arbeit machst? Wer ist der Chef? Es muss doch jemanden geben, der eine Entscheidung trifft.“ Allgemein wird erwartet, dass jemand die letzte Entscheidungsgewalt haben muss.

Doch ihre Erfahrung bei Argot zeigt etwas anderes. „Wir schaffen es trotzdem, die schwierigen Gespräche zu führen. Wir vermeiden sie nicht, nur weil wir keinen Chef haben, der entscheidet. Weil wir uns alle für die Entscheidungen verantwortlich fühlen, beginnen wir früher mit den Gesprächen. Diese allgemeine Erwartung, dass jemand das letzte Wort haben muss, hat sich hier bisher nicht bestätigt.“

Wir schaffen es trotzdem, die schwierigen Gespräche zu führen. Wir vermeiden sie nicht, nur weil wir keinen Chef haben, der entscheidet. Weil wir uns alle für die Entscheidungen verantwortlich fühlen, beginnen wir früher mit den Gesprächen.

Sean Billig, Argot Collective

Seans Rat geht in dieselbe Richtung: „Das Wichtigste sind persönliche Beziehungen. Zu versuchen, gegenseitiges Verständnis dafür aufzubauen, woher die Menschen kommen, und offen darüber zu sprechen, was wir fühlen. Je größer wir werden, desto schwieriger kann das werden.“ Organisationen und Teams, die auf diese neue Weise wirksam arbeiten wollen, müssen sich dazu verpflichten, in zwischenmenschliche Beziehungen und die Pflege der Gemeinschaft zu investieren.

Zu Beginn des Jahres 2026 geht es Argot gut. Sie entwickeln wichtige Infrastruktur für Ethereum und bauen sie weiter aus. Sie experimentieren mit neuen Projekten. Und gleichzeitig beweisen sie, dass 28 Fachleute aus dem technischen Bereich gemeinsam Entscheidungen ohne Hierarchie treffen können. Möglich wird das durch transparente Gespräche, einen bewussten Kulturaufbau und die passenden Werkzeuge zur Unterstützung ihres Entscheidungsprozesses.

„Ich bin sehr optimistisch“, sagt Anja lächelnd. „Ich hoffe, wir werden nicht eines Besseren belehrt.“

Lies Argots Manifest hier.

• Interview und Artikel von Meg Buzzi & Sarah Durlacher (Fixchr)

Schlagwörter: Selbstorganisation Fallstudien

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